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Bluthochzeit


Diese Geschichte erzählt eines der wichtigsten Ereignisse in der frühen Geschichte des Königreiches Norkia. Hier findet sich die Begründung für die Jahrhundere währende Blutfehde zwischen den beiden mächtigsten Adelshäusern Norkias: den Nharon und den Branarh.




Ein letztes Mal wollte es Mendor versuchen. Noch war genügend Zeit, ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
„Arikan, ich bitte Dich, überlege es Dir noch einmal." wandte sich Mendor an seinen ältesten Bruder. „Da gibt es nichts mehr zu überlegen." erwiderte er, ohne den Blick von dem schmalen Waldweg zu wenden. „Wir haben diesen Plan wochenlang vorbereitet. Solch eine günstige Gelegenheit wird sich so schnell nicht mehr bieten. Die Zeit ist reif." Bei den letzten Worten konnte es Mendor in den Augen von Arikan aufblitzen sehen. Mendor seufzte resignierend. Er hatte es geahnt, war sich fast sicher gewesen, zu diesem Zeitpunkt Arikan nicht mehr umstimmen zu können, doch er hatte es wenigstens versuchen wollen.
„Aber wenn Du plötzlich Zweifel bekommen hast, kleiner Bruder, dann kannst Du ja immer noch verschwinden. Wir werden auch ohne Deine Hilfe mit diesem Pack fertig." sagte Arikan abfällig.
Natürlich würde Mendor zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gehen. Das ließ sein Ehrgefühl nicht zu. Er konnte sich nicht einfach abwenden, wenn nahezu alle seiner Brüder, Cousins, Onkel und Neffen in einen Kampf verwickelt waren, der über Wohl und Wehe seiner ganzen Familie entscheiden würde. Aber trotzdem war es eine Wahnsinnstat. Und er schien der einzige unter den vierzig Männern zu sein, der dies erkannte.

Ein Eulenruf klang schrillte aus der Entfernung zu ihnen. Das Signal! Mendor sah noch einmal an den Reihen der Männer entlang, die sich auf dieser Seite des Waldweges in das Unterholz kauerten. Hier war die Blüte der Branarh-Sippe versammelt. Entschlossene, kampfbereite junge Männer unter dem Kommando seines größenwahnsinnigen Bruders.
Jetzt konnte auch Mendor die Geräusche des Festzuges hören. Ein Singen und Lachen hallte den schmalen Weg herauf. Dazu gesellte sich bald fröhliche Unterhaltung und das Knarren der Kutschen.
Wenige Augenblicke später erschien der erste Reiter in Mendors Blickfeld. Dieser erkannte die hochgewachsene Gestalt auf dem prächtig geschmückten Pferd sofort: Prinz Naihim, der jüngere Bruder des neuen Königs, Gartan V.. Stolz und bei bester Laune ritt er an der Spitze der Brautgesellschaft. Seine farbenfrohe Kleidung hob sich deutlich vom düsteren Waldhintergrund ab.
Es folgte eine Ehrengarde der Palastwache, alle in ihren besten Uniformen. Mendor zählte ein Dutzend Soldaten. Hinter der Garde fuhr die Kutsche des Brautpaares. Girlanden aus weißen Blüten bedeckten einen großen Teil der ohnehin schon sehr prächtigen Kutsche. Vom Brautpaar selbst war nichts zu sehen.

Eine weitere Kutsche holperte über den Weg. Nicht ganz so prächtig wie die erste Kutsche vermutete Mendor hier die Mutter des Königs sowie die Eltern der Braut. Und noch drei weitere Kutschen fuhren an Mendor vorbei. Diese transportierten die älteren Verwandten des Brautpaares, die nicht mehr selbst reiten konnten oder wollten.
Die Kutschen wurden flankiert von kleinen Gruppen von Reitern: Geschwister und entferntere Verwandte des Brautpaares, die in fröhlicher, entspannter Unterhaltung neben den Kutschen einher ritten.
Zwei oder drei Musikanten begleiteten den Troß und sorgten für die musikalische Begleitung. Die ganze Gesellschaft, alles in allem etwa neunzig Menschen, war bester Laune und freute sich auf das bevorstehende Fest in der Stammburg der Nharon.
Doch dieses Fest würde nicht stattfinden, dachte Mendor grimmig. Wenigstens schien das Ablenkungsmanöver im Königspalast geklappt zu haben, denn Erzzauberer Numid begleitete die Gesellschaft nicht. Das erhöhte ihre Siegesaussichten ganz beträchtlich.
Dann sah Mendor zu seinem großen Entsetzen die kleineren Gestalten zwischen den größeren reiten. Kinder! Das hatte er nicht erwartet, und er glaubte auch nicht, daß Arikan damit gerechnet hatte. Sie konnten doch keine Kinder angreifen. Er sah verzweifelt nach seinem älteren Bruder, doch dieser war ein Stück weiter gekrochen.

Wie abgesprochen, ließen sie auch noch die letzten Reiter ihr Versteck passieren. Dann erst gab Arikan das vereinbarte Zeichen. Die Bestätigung in Form eines Eulenschreies kam vom anderen Ende des Weges.
„Tod allen Nharon!" schrie Arikan und sprang aus seinem Versteck. Sein Schwert schwenkte er kampfbereit über seinem Kopf. Der Ruf wurde von vierzig Kehlen aufgenommen. Mendor folgte ihnen schweigend und mit einiger Verzögerung.
Die Männer und Frauen schrien vor Überraschung auf und versuchten sich vor den Angreifern zurückzuziehen, doch der Überfall wurde von beiden Seiten des Weges geführt. „Ein Hinterhalt der Branarh!" hallte es durch den Wald. Die wenigen, die sich schnell genug wieder gefaßt hatten, griffen zu ihren Waffen, wenn sie denn welche trugen.
Das folgende Gemetzel war das Furchtbarste, was Mendor je erlebt hatte. Mit unglaublicher Verbissenheit und Härte gingen die beiden Sippen aufeinander los. Am schnellsten faßte sich die Ehrengarde und sofort bildeten sie einen schützenden Ring um die Kutsche des Brautpaares. Und genau diese Kutsche war Arikans Ziel. Gemeinsam mit Mendors drei älteren Brüdern griffen sie die Garde an.
Zunächst hatten die Branarh leichtes Spiel. Sie konnten die geschockten Nharon leicht überwältigen und schlugen Männer wie Frauen wahllos und ohne Ansehen der Person nieder. Doch als sich die Nharon erst einmal gefaßt hatten, wendete sich das Blatt. Viele von ihnen waren ausgezeichnete Fechter und den Branarh mindestens ebenbürtig. Und trotz der anfänglichen Verluste waren sie zahlenmäßig genauso stark wie die Branarh.

Arikan durchbrach den Schildwall in dem Augenblick, als sich die Kutsche öffnete und Gartan mit gezogenem Schwert ins Freie trat. Lächelnd sprang der beitschultrige Branarh nach vorne und schlug kraftvoll nach dem König. Dieser hatte Mühe, sein Schwert zwischen sich und dem heranzischenden Stahl zu bringen. „Warum tut Ihr das?" fragte er vor Anstrengung keuchend. „Eure Zeit ist endgültig vorbei, Nharon." erwiderte Arikan und schlug erneut nach Gartan. „Eine neue Zeit beginnt, und Ihr werdet diese nicht mehr erleben." Gartan stolperte rückwärts und fiel hin, sein Schwert fiel ihm aus der Hand. In seiner Verzweiflung riß er seine rechte Faust in die Höhe und rief: „Kron!" Ein grünliches Leuchten ging von dem Ring am Finger aus und erfaßte den ganzen Körper. Aber der Branarh reagierte schneller.
Triumphierend rammte Arikan Gartan sein Schwert in die Brust. Noch einmal flackerte das Prisma auf, doch es war zu spät. Mit einem gehässigen Grinsen drehte Arikan sein Schwert in der Wunde, bevor er es herauszog. Stöhnend brach Gartan zusammen. Arikan beugte sich zu dem Sterbenden herab, und mit einer raschen Bewegung schlug er ihm den Ringfinger ab. „Kron gehört jetzt mir!" schrie er und reckte die Faust jubelnd in die Höhe, so daß es alle sehen konnten. Er bemerkte dabei gar nicht, daß sich ihm eine schmächtige Gestalt von hinten näherte. Mit verzweifelter Kraft warf sich Maiheb vorwärts und bohrte Arikan den Dolch zwischen die Rippen. Arikan warf ihr einen überraschten Blick zu. Dann ließ er sein Schwert kreisen und schlug der Königin den Kopf ab, bevor er selbst zu Boden stürzte.

*

Mendor hatte alle Hände voll zu tun, selbst am Leben zu bleiben. Er sah nicht, was mit seinen Brüdern geschah, wußte nicht einmal, wieviel Zeit vergangen war, doch als er endlich wieder etwas Luft hatte, erkannte er keinen mehr von ihnen unter den Kämpfenden. Es waren überhaupt nur noch sehr wenige Kämpfer auf dem Schlachtfeld. Er stolperte über die am Boden liegenden Körper. Nharon und Branarh lagen ungeordnet neben- und übereinander in tödlicher Umarmung.
Als erstes fand er Cynnar, seinen einen Jahr älteren Bruder, die Kehle von einem zum anderen Ende aufgeschlitzt. Zwei Schritte weiter lag der Rumpf von Juriam, einem Cousin von Mendor. Er erkannte ihn nur noch an den stark beringten Händen. Juriam hatte schon immer eine Schwäche für Juwelen gehabt. Zwei weitere seiner Verwandten fand er mit aufgeschlitzten Leibern, ehe er es aufgab, die Körper der Gefallenen genauer zu untersuchen.
Der Boden war getränkt vom vergossenen Blut, und überall sah Mendor die verstümmelten Leichen von Männern, Frauen und auch Kindern. Er konnte nicht begreifen, wie das geschehen konnte.

Mit einem Mal merkte er, daß es völlig still war. Die letzten Kampfgeräusche waren verstummt. Mendor sah sich verwundert um. Er war der einzige, der noch stand.
Die ehemals prunkvolle Kutsche lag auf der Seite, der Schmuck war herabgerissen und lag zerfetzt im schlammigen Boden. Rings herum lagen erheblich mehr Körper als auf dem übrigen Weg. Schließlich fand er Braut und Bräutigam, beide in ihren Festtagsgewändern einträchtig nebeneinander auf dem Boden liegend.
Er konnte das Grauen, an dessen Entstehen er selbst Anteil hatte, nicht mehr länger ertragen. Hier war die Blüte zweier großer Geschlechter vernichtet worden. Trotzdem zwang er sich weiterzusuchen. Endlich sah er Arikan.
Mendor kniete sich neben seinen Bruder nieder. Arikan hatte die rechte zu einer Faust geballt. Noch immer sickerte Blut aus der Wunde. „War es das, wofür wir solange gekämpft haben?" fragte Mendor mit tränenerstickter Stimme. Er hob den Kopf und sah über den jetzt stillen Waldweg. „Dieser Preis ist zu hoch gewesen, mein Bruder. Viel zu hoch. Nichts kann das, was geschehen ist, ... rechtfertigen." Seine Stimme brach ab.
Arikan hustete Blut. „Nein, kleiner Bruder." röchelte er. „Hierfür ist kein Preis zu hoch." Mit letzter Kraft hob er seine Rechte in Mendors Richtung und öffnete die Faust. „Nimm ... Du es." sprach er mit ersterbender Stimme. „Du bist jetzt der letzte... der Branarh. Es ... gehört ... Dir." Mendor sah das Prisma an, als wäre es giftig. Er konnte sich nicht dazu überwinden, es an sich zu nehmen.
Kraftlos fiel Arikans Hand auf den Boden. Der Ring entglitt seiner Hand und rollte ein Stück über den Grund. „Du hast Dich geirrt, Bruder. Das hier ist das Prisma nicht wert." Er schloß seinem toten Bruder die Augen und stand dann auf. Seine Wunden schmerzten, doch er achtete kaum darauf. Ein einzelnes Pferd stand kaum fünf Meter von ihm entfernt und betrachtete ihn neugierig. Er ging vorsichtig auf das Pferd zu, er wollte es nicht erschrecken. Das große Tier schien vor ihm keine Angst zu haben. Es scharrte mit dem Huf im Boden und nickte ihm schnaubend zu.

Gerade als er nach dem Zügel greifen wollte, sah er etwas im Augenwinkel aufblinken. Das Prisma. Er machte kehrt und hob den unscheinbaren Ring auf. „Es soll mich daran erinnern, wozu Menschen fähig sind." sprach er zu sich selbst. Dann schwang er sich in den Sattel und verließ den Ort des Grauens.