LOTR2
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Der Alte Mann

Große Ereignisse sehen zuweilen aus den Augen anderer völlig unterschiedlich aus und verlieren dabei häufig ihre Großartigkeit, besonders wenn Schlachten aus der Sicht der Verlierer geschildert werden.



Eine ganze Weile beobachtete der alte Mann die Gruppe Kinder. Ausgelassen spielten die Jungen mit ihren Holzschwertern. Zuerst hatte er in ihrem Toben keinen Sinn erkennen können, hatte sich überhaupt nicht richtig dafür interessiert, doch dann hatten seine Ohren Wortfetzen aufgeschnappt. Und diese Wortfetzen hatten Erinnerungen wachgerufen, die er eigentlich tief verborgen und sicher verwahrt geglaubt hatte.
"Bleib stehen, Martus!" rief einer der Jungen. "Ich, König Trastan werde Dich töten!" Damit fuchtelte der große, blonde Junge mit seinem Holzschwert und traf den kleinen, dunkelhaarigen am Arm. "Aua! Paß doch auf!" schrie dieser und hielt sich das schmerzende Gliedmaß. König Trastan sprang zurück "Hah, diesmal erwische ich Dich." Er machte eine weitausholende Bewegung mit seinem Holzschwert, als wolle er den anderen Jungen wirklich mit dem nächsten Hieb in zwei Teile spalten.
Das Schwert sauste herab, erreichte jedoch niemals sein Ziel. Der Junge sah verblüfft auf seine Hand, die auf unerwarteten Widerstand gestoßen war. Der alte Mann hielt ihn mit erstaunlicher Kraft weg. "Heh, was soll das?" maulte der Junge. Doch als er das zornige Gesicht des Alten sah, schwand seine anfängliche Überheblichkeit.
"Wißt Ihr denn, was Ihr da spielt?" zischte der Mann. Die Jungen, die den Mann zum ersten Mal vor einigen Tagen in ihrem Dorf gesehen hatten, sahen sich verständnislos an. "Wir spielen die Schlacht um Grotulm nach." antwortete der große Blonde etwas kleinlaut. "Das ist doch nichts Böses." - "Nichts Böses?" Der alte Mann ließ den Jungen los. "Nichts Böses." Er schüttelte den Kopf. Er ließ sich schwer atmend auf einem umgestürzten Baum nieder. "Kommt zu mir, Ihr alle." Und als die vier Jungen zögerten, fügte er hinzu: "Es tut mir leid, ich wollte Euch nicht erschrecken. Bitte kommt her, ich möchte Euch etwas erzählen." Zögernd folgten die Jungen seiner Aufforderung und setzten sich in einem Halbkreis zu ihm.
"Ihr müßt wissen, Krieg ist etwas Furchtbares. Ihr solltet Euch etwas anderes zum Spielen suchen." - "Aber wir spielen immer Krieg." meinte der Dunkelhaarige, der noch vor einem Moment Martus verkörperte. "Jeder richtige Junge tut das."
Der alte Mann schüttelte energisch seinen Kopf. "Doch." beharrte der Blonde. "Und am liebsten spielen wir die Schlacht um Grotulm. Aber wenn ich König Trastan bin, gewinnt er immer." Ein breites Grinsen erschien auf dem jungen Gesicht.
"Bitte, Kinder. Es gibt so viele, schönere Sachen. Glaubt mir, ich weiß wovon ich spreche." Die vier sahen ihn fragend an. Erneut bestürmten ihn die Erinnerungen, die er so sorgfältig verdrängt hatte. "Ich... ich war dabei." - "Wo?" - "Na, damals..." erwiderte er zögernd. "Bei der Schlacht." - "Ehrlich?" - "Wirklich?" - "So erzählt doch." Die Jungen bestürmten ihn mit Fragen und ihm wurde fast schlecht, als er die Begeisterung in ihren Gesichtern sah.
Seine Gedanken wanderten zurück in die Zeit, als er nur wenig älter war als der Größte der Jungen, die nun so gebannt an seinen Lippen hingen. Es war die Zeit, als er gerade fünfzehn Jahre alt geworden war und noch einen Namen trug: Thamas.

Er war dabei gewesen, damals vor sovielen Jahren, als die Welt aus den Angeln gehoben wurde von einem Jüngling, damals kaum viel älter als er selbst. Er hatte ihn tatsächlich gesehen, ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden und es überlebt. Etwas, das nicht viele von sich zu behaupten vermochten.

Das Dorf war nicht unähnlich dem, in dem sie sich gerade befanden. Er spielte wie die anderen Jungen mit Holzschwertern, als das Außergewöhnliche geschah. Ein Reiter kam in das Dorf. Das Pferd wieherte und stieg tänzelnd auf die Hinterhufe, als sich die Dörfler um den Reiter scharten. Die Rüstung des Mannes funkelte prächtig in den offenen Feuern des Dorfes. Es war schon spät am Abend und es fing an, dunkel zu werden. Am Sattel, an einem langen, schlanken Speer befestigt, flatterte eine bunte Fahne ihm Wind. Und deutlich war darauf das königliche Banner zu sehen, das Wappen der Gohorn, das Zeichen König Trastans.
Der Reiter erhob seine Stimme, so daß jeder ihn im ganzen Dorf verstehen konnte.
"Hört mir zu, Leute. Seine Majestät der König muß das Reich gegen einen Verräter und Aufrührer verteidigen. Die feindlichen Mächte sind sehr stark und der König braucht darum auch Eure Hilfe. Ein jeder Mann, der ein Schwert zu tragen vermag und ein wenig Ehre im Leib hat, ist verpflichtet, seiner Majestät bei dieser gefährlichen, nichtsdestotrotz ruhmreichen Aufgabe zu helfen."
Gemurmel machte sich unter den Dorfbewohnern breit. Viele waren nicht gerade begeistert, zu dieser Jahreszeit, Haus und Hof für ein ungewisses Abenteuer zu verlassen. Der Herold spürte die unentschlossene Stimmung. "Natürlich wird sich seine Majestät nach der gewonnenen Schlacht außergewöhnlich großzügig denjenigen gegenüber zeigen, die sich freiwillig für diese ehrenwehrte Sache melden." Dies brachte zunächst die Zweifler zum verstummten, die schon einwenden wollten, wozu sie die ganzen Abgaben leisten sollten, wenn die ihre Lehnsherren nicht zu beschützen vermochten. Doch noch immer zeigte keiner der Männer eine Regung, sich zum Herold zu begeben.

Thamas betrachtete die geheimnisvoll blinkende Rüstung, das große Schwert, die stolze, unnachgiebige Haltung des Herolds und in ihm wuchs das brennende Verlangen, genauso auf einem Pferd zu sitzen und mit blitzenden Waffen mit dem König in die Schlacht zu reiten. Er hob seine Hand. Seine Eltern, die hinter ihm standen, starrten ihn entsetzt an, versuchten, seine Hand wieder nach unten zu ziehen, doch er entwand sich aus ihrem Griff, trat nach vorne und sprach den Herold an: "Ich möchte dem König dienen." Der Herold drehte sich zu ihm herum, und noch bevor er etwas erwidern konnte, sprangen Thamas‘ Kameraden an seine Seite und meldeten sich ebenfalls.
Der Herold lächelte sie an und wies ihnen den Weg zu seinen Begleitern. "Wenigstens diese Jungen wissen, was sich gehört." meinte er zu den anderen. "Trotzdem wird der König auch Euch beschützen. Vielleicht werdet Ihr ihm das nächste Mal dankbarer sein." Er wendete sein Pferd und trabte gemächlich aus dem Dorf hinaus. Seine Begleiter und die jungen Männer folgten, ihre Eltern weinend und wehklagend hinter sich zurücklassend
Eine Woche hatte man ihnen Zeit gelassen. In dieser einen Woche versuchte der Ausbilder, aus Bauernjungen Soldaten zu machen. Thamas stellte sich dabei gar nicht einmal ungeschickt an. Das Schwert war groß und schwer, ganz anders als die Holzschwerter, die sie zum Spielen verwendet hatten. Trotzdem zeigte er ein gewisses Geschick im Umgang damit.
Seine Ausbilder jedenfalls waren mit ihm zufrieden und die Zeit verging wie im Flug. Dann, an jenem schicksalhaften Morgen erklärte ihnen der Hauptmann, daß der große Tag gekommen war. Sie formierten sich rasch und wenig später erschien ein Herold des Königs und begrüßte sie. Dann marschierten sie los. Ihr Ausbildungslager war nur zwei Stunden entfernt vom geplanten Schlachtfeld gelegen. Thamas konnte sich gar nicht sattsehen an all den Fahnen und Bannern. Noch formierten und gruppierten sich die verschiedenen Heeresteile und einmal sah er sogar das prunkvolle Banner des Königs über eine Gruppe von Reitern wehen.

Es war ein richtig schöner Tag. Der Wind blies sanft und fast schon warm und die Wolken zogen sehr hoch über sie hinweg. Von seinem Standpunkt aus hatte Thamas einen guten Überblick über die Armee des Königs. Es war ein unglaublicher Anblick, all die Männer in ihren Rüstungen und Waffen zu sehen. Wie sollte ihnen ein Feind je widerstehen können? Dann aber hörten sie das ferne Donnern anrückender Streitkräfte. Hörner erschallten und jagten Thamas einen Schauer über den Rücken. Endlich ging es los. Und er, ein unbedeutender Bauernjunge war bei einer wichtigen Schlacht dabei, focht an der Seite seines Königs.
Kurze Zeit später prallten die feindlichen Heere mit brutaler Wucht aufeinander und zum ersten Mal erkannte Thamas, was es hieß, sich mitten in einer Schlacht zu befinden. Obwohl sie weit hinten noch auf ihren Einsatz warteten, hörten sie den Schlachtenlärm, die Schreie der Sterbenden, sahen viele tapfere Männer fallen.
Die furchtbare Wirklichkeit der Schlacht zerstörte endgültig die jugendlichen Träume von Edelmut und heldenhaften Kämpfen. Doch noch waren sie nicht direkt am Geschehen beteiligt. Sie standen hinter einem starken Verband regulärer königlicher Soldaten und sollten ihnen nur zu Hilfe eilen, wenn diese in Bedrängnis gerieten. Es waren ausschließlich harte Männer, die sich durch große Kampferfahrung auszeichneten. Die anstürmenden Feinde hatten es darum auch sehr schwierig und keinem gelang es, diese Linie zu durchbrechen.

Doch mit einem Schlag änderte sich alles!
Es war, als blickte er direkt in die Hölle: eine Gruppe von Reitern durchbrach mühelos die dicht gestaffelte Verteidigungslinie. An ihrer Spitze war ein Reiter, den ein eigentümliches, grünes Leuchten umgab. In seiner linken Hand schwang er eine mächtige, ebenfalls grünlich schimmernde Streitaxt. Überall wo er auftauchte, flohen die Männer Hals über Kopf, ihre Waffen von sich werfend. Viele waren jedoch nicht schnell genug und wurden ein Opfer der kreisenden Axt, die durch Schwerter und Rüstungen glitt, als seien diese aus Luft. Und dann hörte auch er dieses furchtbare Lachen.
Es war dieser grüne Reiter, der jedesmal lachte, wenn er einen Gegner erschlug. Dazu kreischte die Axt, daß Thamas das Blut in den Adern gefror. Das konnte kein Mensch sein. Er war starr vor Schrecken, während die meisten seiner Mitstreiter ebenfalls vor lauter Angst ihr Heil in der Flucht suchten.
Doch der Mann war nicht allein. Eine Gruppe von Reitern war bei ihm und jeder von ihnen trug ein Schwert, das zu brennen schien. Thamas sah, wie selbst die hartgesottenen, kampferprobten Soldaten vor diesem fürchterlichen Gegner Reißaus nahmen und die wenigen, die Stand hielten, wurden so schnell niedergemacht, als handele es sich um Kinder.
Und dann wechselte die Reitergruppe ihre Richtung und hielt direkt auf ihn zu!
Einer der Reiter löste sich aus dem Verband und bahnte sich durch eine kleine Gruppe von Soldaten den Weg zu ihm. Es war eine Frau, die dort focht. Nur Sekunden und er stand ihr ganz allein gegenüber. Das Schwert zog einen schimmernden Kreis, als es den letzten Soldaten, der zwischen ihr und Thamas stand, fast in zwei Teile schlug.

Der Mann war praktisch schon tot, als er sich zu Thamas umwandte und ihm fast vor die Füße fiel. Er schien Thamas noch etwas sagen zu wollen, doch nichts als Blut kam über seine Lippen, dann brach er endgültig zusammen.
Noch mehr Blut spritzte aus der gräßlichen Wunde in seiner Seite, ein Riß, der sich von der Hüfte quer durch die Brust zog. Die Augen blickten totenstarr gen Himmel, während der Körper noch immer im Todeskampf zuckte.
Thamas wurde übel. Er sah kaum noch, was um ihn herum geschah und dies wurde ihm fast zum Verhängnis. Das Schwert flammte hell auf und als die Frau ausholte, sang es leise. Thamas machte sich auf den Aufprall gefaßt, doch mit einer solchen Wucht hatte er nicht gerechnet. Sein Schwert zerbarst regelrecht und Splitter flogen in alle Richtungen. Die Kraft des Hiebes lähmte seine Arme bis hinauf in die Schultern und er wurde zurückgeworfen. Er taumelte haltlos nach hinten und stolperte über etwas, das am Boden lag. Einer seiner gefallenen Kameraden. Er schlug der Länge nach hin und noch bevor er etwas hätte tun können, fühlte er, wie etwas auf ihn fiel und ihm den Atem raubte. Blut schoß pulsierend aus der aufgerissenen Halsschlagader und floß ihm über Gesicht und Oberkörper. Der junge Mann zitterte leicht, dann hatte er es überstanden. Thamas wagte es nicht sich zu bewegen. Der Leichnam auf seinem Körper nagelte ihn regelrecht auf den Untergrund fest. Zwischen den Gliedmaßen des Toten hindurch sah er das Pferd vor- und zurücktänzeln. Offensichtlich suchte die Frau nach ihm. Ihr Blick glitt über ihm hinweg. "Elaana, komm hier herüber!" hörte er eine Stimme durch den Schlachtenlärm schreien. Die Frau winkte und schrie zurück: "Gleich, paß‘ Du auf, daß Martus sich nicht allein zu weit vorwagt!" Ängstlich duckte sich Thamas noch weiter hinunter und sprach im Stillen ein Stoßgebet. Das Pferd trabte keine zwei Meter an ihm vorbei, dann war es verschwunden.

Die Schlacht tobte mit unverminderter Härte weiter. Rings herum starben die Menschen, schlugen sich einander die Köpfe ein. Er verbarg sich weiterhin. Die Furcht lähmte ihn, er konnte einfach nicht anders. Er hörte die furchtbaren Schreie der Verwundeten und Sterbenden und preßte seine Hände auf die Ohren, verschloß die Augen vor dem Grauen.
Der Kampf ebbte ab und langsam fing es an, dunkel zu werden. Doch das Schreien in seinem Kopf wollte kein Ende nehmen. Er konnte sich davor nicht schützen. Und immer wieder sah er das glühende Schwert vor ihm auflodern.
Es mußte mitten in der Nacht sein. Es war sehr still geworden. Seit einer Stunde hatte er keinen Menschen mehr gesehen oder gehört. Thamas‘ Hände zitterten, als er den Leichnam zur Seite schob, der ihn die ganze Zeit über verdeckt hatte. Mühsam zog er sich auf seine schlotternden Knie hoch. Das ganze Feld war mit Leichen übersät und ein durchdringender Verwesungsgeruch hing über dem Ganzen. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen und er mußte sich übergeben. Als er einigermaßen wieder zu Kräften gekommen war, verließ er diesen Platz des Schreckens, so schnell er konnte.

*

Die Jungen sahen ihn mit großen Augen an. "Und Ihr habt wirklich gegen einen Wächter gekämpft?" fragte einer staunend. "Ihr habt Martus mit eigenen Augen gesehen? Das Prisma Kron. Bitte erzählt doch mehr darüber." Er seufzte. Er hätte es besser wissen müssen. Die Jungen bestürmten ihn nun mit Fragen, doch er wies sie zurück. Er wollte nicht mehr an diese Tage erinnert werden. Er hoffte nur von ganzem Herzen, daß die Zeit der Kriege endgültig vorbei war. Der Alte Mann war nicht mehr und die großen Prismen alle zerstört. So hat man es ihnen zumindest erzählt. Martus war verschwunden und niemand hatte ihn seit Jahrzehnten gesehen. Möglicherweise war er doch damals, als die großen Mächte der Welt mit aller Wucht aufeinanderprallten und der Himmel brannte, auf dem Schlachtfeld gestorben. Er wußte es nicht und er würde auch niemanden finden, der ihm darauf eine Antwort geben konnte. die früheren Reiche gab es nicht mehr, doch trotzdem spürt er in seinen alten Knochen ein Ziehen, ein Gefühl, daß noch längst nicht alles überstanden war. Und eine halb vergessene Prophezeiung, in seiner Kindheit gelernt, kam ihm wieder in den Sinn. Und er fröstelte, als er tonlos die Worte rezitierte:

Und ein Mann wird kommen,
gezeichnet mit den Malen für das Leben und den Tod.
Er wird richten über die Lebenden, sein Werk wird die Zerstörung sein.
Zweimal wird er die Grundfesten der Welt erschüttern,
Zweimal wird die ganze Welt in Flammen stehen,
bis endlich die neue Ordnung entsteht.

Einmal hatte sich die Prophezeiung bereits bewahrheitet. Er hatte nur an eine kleinen Schlacht teilgenommen, die letztendlich zur Erfüllung der Weissagung beigetragen hatte. Er hoffte, daß er den zweiten Teil nicht mehr erleben würde.
Die Jungen verstanden nicht, warum er nicht noch mehr erzählte, warum er ihre Fragen nicht beantwortete. Sie bohrten weiter, bis er sie ärgerlich verscheuchte. Kurze Zeit später hatten sie wieder zu spielen begonnen. Keiner von ihnen hatte wirklich begriffen, was er ihnen hatte sagen wollen. Sie waren wie er vor so vielen Jahren. Er stand kopfschüttelnd und traurig auf. Niemand beachtete ihn, als er das Dorf verließ.