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Die Lehren Dhargos'

Die Geschichte handelt von den Ereignissen, die dazu führten, daß sich eine der großen Religionen spaltete. Eine Gruppe von ehemaligen Khatolikanern sammelt sich um einen Prediger, der die Bibel auf andere Weise interpretiert und somit eine neue Religion begründet.



Ganz allmählich kehrten die Erinnerungen zurück. Sein Kopf dröhnte, als wollte er jeden Augenblick zerplatzen, aber das war ja auch nicht verwunderlich. Er war in die Knie gebrochen und stützte sich auf einem Arm ab.
Der Raum kreiste und schwankte, aber das lag nicht allein an dem Schlag, den er erhalten hatte. Die längst vergessen geglaubten Gedanken überschwemmten regelrecht sein Bewußtsein. Wo eben noch weiße Flecken ohne Erinnerungen warnen, da fand er nun Gedanken, Bilder und Gesprächsfetzen. Er spürte, wie er weinte. Unbewußt wischte er sich mit dem Ärmel das Blut ab, das ihm aus der Nase lief.
Allmählich hörte der Raum auf, sich ständig auf und ab zu bewegen. Vorsichtig hob er den Kopf und sah seinen zerbeulten Helm nicht weit von sich entfernt auf dem Boden liegen. Direkt daneben lag sein blutverschmiertes Schwert. Als er den hämmernden Kopf ein wenig weiter drehte, sah er direkt in die von Entsetzen und Angst geweiteten Augen der Kinder und Frauen.
Er stöhnte und versuchte aufzustehen, schaffte es aber nicht und brach erneut in die Knie. Der nächste Versuch war erfolgreicher. Er kam taumelnd auf die Füße. Sein Magen rebellierte.
Schwerfällig drehte er sich zur Tür, durch die er gerade den Raum betreten hatte. Eine junge Frau stand dort, eine schwere Pfanne in ihren zitternden Händen haltend, und ebenso verängstigt wie die übrigen Menschen.
Durch die geöffnete Tür sah er die Leichen der Männer im Vorraum liegen. Die Männer, die er eigenhändig getötet hatte. Sie hatten keinen Widerstand geleistet und so war er unvorsichtig geworden und durch die Tür geschritten, ohne auf seinen Rücken zu achten.

Er sah von der Frau wieder zu den Toten. Etwas hatte sich in ihm verändert. Es mußte der Schlag gewesen sein. Er hatte die Barrieren in seinem Kopf gebrochen, die ihn fünfzehn Jahre gehindert hatten, sich zu erinnern.
Aber nun wußte er. Er erkannte, wer er war und was aus ihm geworden war, und er schämte sich. Angewidert betrachtete er seine bluttriefenden Handschuhe. Er hatte getötet!
Sein Blick kehrte zu der Frau an der Tür zurück. Sie schien immer noch unschlüssig. Er wäre in dieser Verfassung ein leichtes Opfer gewesen, doch augenscheinlich konnte die Frau kein zweites Mal zuschlagen. Dann fiel es ihm wieder ein. Diese Menschen lehnten jede Gewalt ab. Es war überhaupt verwunderlich, daß irgend jemand die Hand gegen ihn erhoben hatte. Obwohl er gerade Ehemänner, Brüder, Väter und Söhne erschlagen hatten, versuchte keiner, ihn anzugreifen. Sie starrten ihn nur schweigend an.
Aber er verstand sie, denn er war früher genauso. Das war bevor... bevor... Immer mehr Erinnerungsfetzen stürmten auf ihn ein. Fast zu spät hörte er die Stimmen seiner Kameraden. „Leutnant Dhargos?" Er sah noch einmal auf die zu Tode erschrockene Schar von Menschen, dann bückte er sich nach seinem Schwert und wankte hinaus.

Drei Ordensritter erwarteten ihn. „Hier drin ist jetzt alles ruhig." erklärte Dhargos langsam. „Seid Ihr verletzt?" fragte einer seiner Männer besorgt. „Ich... ich bin gestolpert." Der Mann grinste vielsagend. Dhargos riß sich zusammen. Er durfte sich nichts anmerken lassen. „Kehrt zurück ins Lager, ich komme gleich nach." - „Wohl noch ein paar Ausreißer gesehen, was?" Der Mann lachte und machte zusammen mit seinen Kameraden kehrt.
Dhargos vergewisserte sich, daß alle Ordensritter das kleine Dorf verlassen hatten, bevor er zu der Hütte zurückkehrte.
Widergläuber - Ketzer! Die Gruppe von Frauen und Kindern hatten sich nicht von der Stelle gerührt. Nein, sie würden nichts tun, selbst wenn er jetzt anfing, einen nach dem anderen vor ihren Augen abzuschlachten. Er warf sein Schwert demonstrativ in die Ecke.
Ein neuer Schmerz durchzuckte seinen Kopf. Er hielt sich am Türrahmen fest. Ja, er war einmal wie diese Leute gewesen. Das war bis zu jenem schicksalhaften Tag vor fünfzehn Jahren. Die Bilder wurden zunehmend deutlicher.

*

„Ich werde es nicht tun, Mutter." - „Wie kannst Du das nur so hinnehmen. Ich verstehe Dich nicht." Umha war nach wie vor eine hübsche Frau, doch nun verzerrte Haß ihre sonst angenehmen Züge. „Es ist ganz einfach. Ich werde nicht kämpfen." - „Du bist und bleibst ein erbärmlicher Feigling, Daman." fuhr in Eowulf an. Daman sah seinen jüngeren Bruder an. So war es schon immer gewesen. Sie waren so verschieden wie Feuer und Wasser. Eowulf war ganz der Sohn seiner Mutter: heißblütig, jähzornig, immer schnell dabei, sein Schwert zu ziehen. Er selbst war da anders, er wußte zur Zeit noch nicht einmal, wo sein eigenes Schwert war. Sie hatten gerade die Nachricht erhalten, daß ihr Vater in diesem sinnlosen Scharmützel gefallen war. Wie so oft hatten die großen Adelshäuser gewaltsam ihre Auseinandersetzungen ausgetragen, und sie waren mit hineingezogen worden. Nun war er, Daman, mit seinen siebzehn Jahren der Erbe des Rittergutes. Natürlich war auch er bestürzt über diese Nachricht, doch bei ihm war es vor allem Trauer, die sein Denken erfüllte.
Am Tag danach war er allein mit Eowulf unterwegs gewesen. Sie hatten im Wald angehalten, und Daman hatte nach dem Huf seines Pferdes geschaut, als er Schritte hörte. „Eowulf, ich glaube das Pferd..." Weiter kam er nicht mehr. Der Ast traf ihn mit voller Wucht an der Schläfe. Danach herrschte Finsternis.

*

„Ihr seid in Sicherheit." brachte Leutnant Dhargos mühsam hervor. Keiner rührte sich. „Aber Ihr könnt nicht hierbleiben. Sie werden bald wiederkommen. Gibt es ein Versteck in den Bergen?" Zunächst wollte keiner antworten. Dann trat zwischen den Frauen ein Greis hervor. „Eine Stunde den Hang hinauf ist eine Höhle." sagte er mit zitternder Stimme. „Gut, dann laßt uns gehen." Die Menschen bewegten sich nicht. „Los doch." rief er, der Verzweiflung nahe. Wenn sie Euch finden, werden sie Euch alle töten!" Ihm entging die Absurdität seiner Worte nicht. Noch vor Minuten hatte er eben gerade dieses versucht.
Ein Kind weinte. Dann, erst unsicher, bewegte sich die erste Frau und drängte sich an ihm vorbei, ihr Kind hinter sich herziehend. Nach und nach folgten die anderen.

In ihrem geschockten Zustand brauchten sie fast zwei Stunden. Wenigstens lag die Höhle so, daß sie wirklich nur sehr schwer zu entdecken war. Als alle ihren Platz gefunden hatten, trat der Greis auf ihn zu. „Ich habe nur eine Frage." sagte er. „Warum?" Dhargos, der seine Gefühle bisher durch die Notwendigkeit der Flucht zurückdrängen konnte, fiel vor dem Alten auf die Knie. „Bitte, vergebt mir. Ich weiß, was ich getan hatte, war Unrecht." Seine Stimme brach. Der alte Mann hob die Hand und legte sie auf seine bebende Schulter. Die Schuldgefühle wegen seiner Tat drohten, ihn völlig zu übermannen. Ein Schluchzen entrang sich seiner Brust. „Oh Gott, ich habe... das nicht... gewollt." sagte er mit kaum verständlicher Stimme.
„Ich vergebe Euch." sagte der Alte. „So wie es uns der Herr gelehrt hat. Etwas... ist mit Euch geschehen." - „Ihr seid von Gott berührt worden." In diesem Moment fiel Dhargos’ getrübter Blick auf die eine Frau, die noch immer die Pfanne fest umklammert hielt, so als traue sie seiner Wandlung nicht. Er stöhnte gepeinigt auf und schlug sich mit den Fäusten gegen die Schläfen. „Ich... kann so nicht mehr leben." sagte er, ohne auf den Alten zu achten. Blindlings tastete er nach seinem Schwert, fand es schließlich sogar. Dhargos spürte eine Berührung an der Schulter. „Selbstmord ist keine Lösung. Das wißt Ihr sehr gut." Der Greis sah ihn nachdenklich an. „Folgt mir, ich glaube ich habe etwas, das Euch helfen kann. Übrigens, mein Name ist Renald."
Dhargos war kurz davor, den Verstand zu verlieren. Die auf ihn einstürzenden Erinnerungen und die ungeheure Scham über seine Taten verwirrten seinen Geist. Er ließ sich willig von dem Alten durch die Höhle führen.
„Das hier ist das Heilige Buch" erklärte Renald. Dhargos hob den Kopf und sah in die Richtung, die der Alte wies. Auf einem kleinen Podest lag ein geöffnetes Buch. Trotz seiner verzweifelten Stimmung erkannte er das ungewöhnliche Äußere des Buches. Er trat näher.
Dieses Buch mußte alt sein, uralt. Er fühlte über die Seiten. Ihr Zustand war hervorragend. Sie bestanden aber nicht aus Pergament wie die Bücher, die Dhargos kannte. Die Seiten erschienen ihm mehr wie Metall.
Die Schrift war eigenartig. Die Buchstaben schlicht und klar, doch ein wenig anders als er sie kannte. Aber eindeutig war es die Priesterschrift der khatolikanischen Kirche. „Könnt Ihr dies lesen?" fragte der Alte. Dhargos nickte. Als Priester des Ritterordens hatte er diese Schrift gelernt. „Ich kann nur Bruchstücke davon entziffern." gestand der andere. „Zunham war unser Führer. Er las uns aus diesem Buch vor." Dhargos erinnerte sich an diesen Namen. Zunham, der Kopf der Widergläuber. Das war der Mann, den er als zuallererst bei dem Einsatz in dem Dorf tötete, als sich dieser schützend aber unbewaffnet vor seine Anhängerschar gestellt hatte.

Neue Verzweiflung überschwemmte sein Denken. „Lies darin. Vielleicht wird es Dir dann besser gehen." Damit ließ ihn Renald allein. Dhargos wußte nicht, was er tun sollte. Hier saß er nun, allein mit einem alten Buch, dem Wahnsinn nahe. Wie um den alten Mann einen Gefallen zu tun, begann er zu lesen. Langsam zunächst, denn die Sprache war eigenartig verdreht, doch allmählich vergaß er seinen eigenen Schmerz.
Schon nach den ersten Sätzen war ihm bewußt, daß hier eine Bibel vor ihm lag. Viele Stellen waren dem Buch, das er so gut kannte, sehr ähnlich. Doch an anderen Stellen unterschied es sich deutlich. Er las und las immer weiter und vergaß alles um sich herum.
„Was tut er?" fragte eine der Frauen. „Er liest." antwortete Renald. „Aber er hat den Raum seit einer Woche praktisch nicht verlassen." - „Jeder braucht seine eigene Zeit, um den Weg zu finden." erwiderte der Alte schlicht. Unvermittelt kam Dhargos aus der Kammer und trat vor Renald. Er hatte sich erneut verändert. Renald betrachtete ihn und sah das Feuer, daß in seinen Augen brannte. Doch es war ein anderes Feuer, nicht das des Hasses wie vor dem Überfall.
„Ich möchte bei Euch bleiben." bat Dhargos. Renald nickte, so als habe er nichts anderes erwartet.
In der folgenden Zeit übernahm Dhargos die Stelle Zunhams. Er las den Menschen aus dem Buch vor, und mit jedem Wort fand er die kleinen Unterschiede zu dem, was die Kirche als Wort Gottes verkündete. Und mit einem Mal wurde ihm klar, warum sie diese Menschen so sehr fürchteten. Er war sich mittlerweile sicher, daß er ein Original der Bibel vor sich hatte, das von den Khatolikanern nach ihren Wünschen entsprechend verändert worden war. Dies machte ihn zunächst sehr wütend. Doch allmählich verinnerlichte er diesen neuen Glauben und vor allem dessen Leitsätze. Er brauchte lange Zeit, um seine wahre Bedeutung zu verstehen.

Dies waren die Worte, die ihn am meisten beschäftigten und die zu verstehen er am längsten benötigte:
Audistis quia dictum est oculum pro oculo et dentem pro dente.
Ego autem dico vobis non resistere malo sed si quis te percusserit in dextera maxilla tua praebe illi et alteram.
Ihr habt gehört, daß gesagt ist: "Auge um Auge, Zahn um Zahn."
Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

Und weiter:

Audistis quia dictum est diliges proximum tuum et odio habebis inimicum tuum.
Ego autem dico vobis diligite inimicos vestros benefacite his qui oderunt vos et orate pro persequentibus et calumniantibus vos.
Ihr habt gehört, daß gesagt ist: "Du sollst deinen Nächsten lieben" und deinen Feind hassen.
Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.

Er kannte die entsprechende Stelle in der khatolikanischen Lehre. Dort fehlte diese Sätze völlig. Andere Veränderungen waren nicht so offensichtlich. Mit der Zeit jedoch erkannte er das System hinter den Abweichungen der beiden Fassungen. Einem weniger geschulten Verstand wären die meisten, oft winzigen Korrekturen gar nicht aufgefallen. Das war das Schlimmste daran. Daneben wurden wichtige Passagen ausgelassen und so die gesamte Bedeutung in einer Weise verändert, die Dhargos für unmöglich gehalten hätte. Die zentralen Aussagen fehlten völlig.
In seinem früheren Leben als Ordensritter hatte er sich immer unwohl gefühlt, obwohl er nie hätte sagen können, warum dies so war. Besonders packte dieses Gefühl ihn nach einem Kampf. Jetzt kannte er den Grund dafür.
Und Dhargos wandelte sich erneut. Mehr und mehr Menschen kamen zu ihm, um den Worten zu lauschen, und die Kunde über die neue Lehre verbreitete sich im Land. Aus den dreißig Frauen und Kindern, die das Massaker überstanden hatten, wurden rasch zweihundert.

Natürlich entging der Kirche nicht, daß es nicht gelungen war, die Widergläuber zu vernichten. Sie schickten weitere Gruppen von Rittern aus, doch Dhargos gelang mit seinen Getreuen rechtzeitig die Flucht, oft gewarnt durch die einfache Bevölkerung, unter der sich der Glauben besonders großer Beliebtheit erfreute. Das Kopfgeld erhöhte sich für Dhargos.
Eines Tages betraten drei vermummte Gestalten das Haus Dhargos’. „Seid Ihr Dhargos?" sprach ihn der vorderste mit fester Stimme an. „Ja, ich bin Dhargos. Wer fragt dies?" Der Mann schlug die Kapuze zurück, die beiden anderen folgten seinem Beispiel. Darunter kamen Kettenpanzer zum Vorschein. „Ich bin Ritter Martel Branarh von Gelbach."
„Seid Ihr gekommen, mich gefangenzunehmen?" fragte Dhargos und wies mit dem Kopf in Richtung der beiden Soldaten. „Wie? Oh nein, verzeiht." Martel gab den Männern einen Wink, und sie zogen sich zurück. Der Ritter trat näher. „Mir geht es vielmehr darum, den Mann kennenzulernen, von dem so viele meiner Untertanen sprechen. Was gibt Euch die Kraft, die Macht, diese ganzen Leute derart zu beeinflussen?" - „Ich habe sehr wenig damit zu tun." erwiderte Dhargos. „Vielmehr ist es die Wahrheit der Worte, die ich lediglich vorlese. Vielleicht solltet Ihr auch einmal diesen Worten lauschen." - „Ja, vielleicht." sagte der Ritter zögernd. Dhargos trat auf ihn zu. „Kommt mit. Es ist bald Zeit zur Abendandacht. Hört die Worte, und bildet Euch selbst ein Urteil."
Martel ließ sich von Dhargos durch das Dorf führen. Die Männer und Frauen beendeten gerade ihr Tagewerk und begannen, sich vor dem Langhaus zu versammeln. Dhargos schritt durch die Menge und betrat das Haus. Martel folgte mit den anderen.

Eine Stunde später verließ ein grübelnder Ritter das einfache Haus. „Nun? Was sagt Ihr jetzt, Herr Ritter? Sind wir Hexer oder Dämonen, die man mit dem Schwert austreiben muß?" - „Ich... ich weiß nicht?" gestand er. „Es sind... so viele neue, ungewöhnliche Ideen. Ich muß einfach darüber nachdenken." Renald wollte etwas sagen, doch Dhargos hielt ihn zurück. „Ihr könnt jederzeit wiederkommen." Martel nickte zerstreut und verabschiedete sich.
Wie es Dhargos vorhergesagt hatte, erschien Martel in den nächsten Wochen immer wieder im Dorf und nur anfangs noch vermummt. Martel suchte oft das Gespräch mit Dhargos, ließ sich verschiedene Stellen der Schrift von Dhargos erklären.

Als Martel wieder einmal zu Besuch kam, wurde er von einem besorgten Renald empfangen. "Wo ist Dhargos?" Der alte Mann schien verzweifelt. "Er bekam gestern Nachricht, daß seine Mutter gestorben ist. Daraufhin faßte er sogleich den Entschluß, seinen Bruder zu besuchen, um ihm sein Beileid zu bekunden."
Martel war entsetzt. „Aber Eowulf wird ihn an die Kirche ausliefern. Er läuft direkt in die Falle." Renald nickte. „Ich stimme Euch zu. Ich habe ebenfalls versucht, ihn zurückzuhalten, doch er wollte unbedingt. Und ich glaube, er wußte genau, was dies bedeutete." Martel konnte es nicht fassen. „Ich werde versuchen, ihn einzuholen. So darf es nicht enden." - „Ich fürchte, Ihr werdet zu spät kommen." - „Wir werden sehen." Er sah den Greis an, dann legte er ihm seine Rechte auf die gebeugten Schultern. "Macht Euch keine Sorgen, ich werde ihn heil zurückbringen." Damit machte er auf dem Absatz kehrt, sprang auf sein Pferd und galoppierte in Richtung Bhern.

*

Dhargos zügelte sein Pferd. Mit jedem Meter, den er sich dem Rittergut Bhern genähert hatte, waren weitere Erinnerungen aus seiner Vergangenheit aufgetaucht. Bilder, die er längst vergessen hatte. Bilder von glücklichen Kindheitstagen mit seinem Vater, aber auch mit seinem Bruder Eowulf. Eowulf. Er war jetzt der einzige Verwandte, der noch lebte.
Die kleine Burg schien leer und verlassen. Schwarze Fahnen bewegten sich träge im sanften Sommerwind. Das Pferd trabte langsam in den Burghof. Die beschlagenen Hufe hallten überlaut auf den Steinen.
Er gewahrte eine Bewegung aus den Augenwinkeln und fuhr herum. "Wer seid Ihr?" fragte ein alter Mann. "Wer stört die Trauer von Burg Bhern?" Dougas, der alte Haushofmeister stand vor ihm. Er war bereits alt, als sein Vater starb. Der alte Mann schien ihn nicht zu erkennen.
"Ich möchte zum Herrn der Burg und ihm mein Beileid bekunden." - "Seid Ihr ein Priester?" Dhargos sah an sich herab. In der Tat hatte sein schlichtes Gewand große Ähnlichkeit mit den Trachten khatolikanischer Mönche. "Ja." antwortete einfach. Dougas nickte. "Dann folgt mir. Der Herr sitzt wie fast ständig in den letzten Tagen im Thronsaal. Vielleicht vermögt Ihr ihn ein wenig aus der Lethargie zu reißen, Ehrwürden." - "Ich werde mir Mühe geben."
Dhargos sah sich auf dem Weg zum Saal immer wieder um. Es hatte sich nur Wenig verändert. "Wartet hier, Ehrwürden." sagte der Haushofmeister. Dann ging er an Dhargos vorbei in den Thronsaal.
"Ähem, Herr. Ein Priester wünscht Euch zu sprechen." - "Schick' ihn weg. Ich will niemanden sehen." hörte Dhargos die vertraute Stimme. Dhargos schritt in den Thronsaal. Eowulf sah sehr blaß aus. Sein Körper wirkte mager und in sich zusammengesunken.
"Verzeiht meine Hartnäckigkeit." sagte er und näherte sich seinem Bruder. Eowulf sah auf. Seine rotgeränderten Augen musterten Dhargos, erkannten ihn aber nicht. "Wer seid Ihr?"
"Früher war ich Daman, jetzt aber nennt man mich Dhargos." Eowulf klappte vor Überraschung der Unterkiefer herunter. Er stand halb auf. "Das kann doch nicht..." Er verharrte mitten in der Bewegung. Dougas hatte sich von seinem Schock erholt. "Wahrhaftig!" rief er. "Ein Wunder ist geschehen." Er griff nach Dhargos' Hand und fiel auf die Knie. "Herr Daman ist zurückgekehrt." Tränen der Rührung flossen dem Alten über das Gesicht. "Oh, wir hatten schon lange jede Hoffnung aufgegeben." - "Das ... ist wirklich ... ein Wunder." Hinter Eowulfs Stirn arbeitete es. "Dhargos sagtest Du? Der Dhargos?" Dhargos nickte. "Aber das ist doch völlig unwichtig. Ich bin hier, um gemeinsam mit Dir um Mutter zu trauern." Das schien Eowulf erneut aus der Bahn zu werfen. "Oh ja, natürlich. Möchtet... möchtest Du ihre Gruft sehen?" - "Gerne." Eowulf griff Dhargos am Arm und zog ihn mit sich. "Wo ... bist Du so lange gewesen?" fragte er, während sie die Stufen hinunter zur Familiengruft schritten. "Ich hatte mein Gedächtnis verloren, eine Folge des Unfalls." Dhargos kamen die Worte ohne Zögern von den Lippen. "Ich war viele Jahre ein Ritter beim Orden des Heiligen Thomas." Eowulfs Stimme dagegen zitterte hörbar bei dessen Entgegnung: "Es tut mir leid, was damals passiert war. Ich habe den Kopf verloren. Ich hielt Dich für tot. Dann habe ich versucht, Hilfe zu holen. Doch als ich zurückkehrte, warst Du verschwunden. Wir haben lange nach Dir gesucht, konnten aber keine Spur von dir finden." Dhargos konnte sich gut vorstellen, daß sich Eowulf versichern wollte, daß er wirklich tot war, doch er beließ es dabei. Die Vergangenheit spielte für ihn keine Rolle mehr.
Sein jüngerer Bruder stemmte sich mit seinem Gewicht gegen die massive Bronzetür, die die Gruft vom übrigen Kellergewölbe trennte.

Im Schein des Kerzenleuchters wirbelte jahrhundertealter Staub auf. Links und rechts des schmalen Ganges waren an den Wänden Steinplatten angebracht, hinter denen die sterblichen Überreste unzähliger Generationen von Dhargos' und Eowulfs Ahnen ruhten. Sie schritten gemeinsam die Reihen ab, immer tiefer in die Gruft hinein, bis sie schließlich vor einer sehr neu wirkenden Platte anhielten, in der die Letter 'Umha Baraid' eingraviert waren.
"Ich glaube, ich lasse Dich jetzt besser allein." sagte Eowulf leise. Dhargos nickte abwesend und nahm kaum wahr, daß sich sein Bruder entfernte. Er setzte sich auf den Boden, schloß die Augen und rief sich die Erinnerungen ins Gedächtnis, die ihn mit seiner Mutter verbanden. In der Stille vergaß er völlig die Zeit.
"Herr?" Dhargos fuhr herum. Er hatte Dougas gar nicht kommen hören. "Ihr seid schon mehrere Stunden hier unten." - "Ich war ein wenig in Gedanken versunken." erwiderte Dhargos. "Herr Eowulf schickt nach Euch. Er möchte mit Euch gemeinsam speisen." Dhargos erhob sich. "Ist es denn schon so spät?" Er folgte dem Haushofmeister zurück in die Welt der Lebenden.
Dougas führte ihn in den Rittersaal, in dem Eowulf eine festliche Tafel hatte aufbauen lassen. Er bot seinem Bruder einen Platz neben sich an, und Diener begannen, verschiedene Speisen aufzutragen. "Das wäre wirklich nicht nötig gewesen." meinte Dhargos. "Ein einfaches Mahl hätte genügt." - "Nicht doch." wehrte Eowulf ab. "Es ist ein besonderer Tag. Mein Bruder ist heimgekehrt. Aus diesem Anlaß habe ich sogar ein paar Gäste eingeladen!" Er machte ein Zeichen und augenblicklich sprangen ein halbes Dutzend khatolikanische Ordensritter aus ihren Verstecken. Bevor Dhargos reagieren konnte, sah er sechs Schwertklingen auf seinen Hals gerichtet. Er blickte seinen Bruder an, doch dieser vermochte ihm nicht in die Augen zu schauen. "Du bist zwar mein Bruder, aber auch ein gesuchter Verräter. Ich tue nur meine Pflicht als loyaler Untertan." Seine Stimme klang eigentümlich schrill und laut. "Schade. Ich hatte ehrlich gehofft, Bruder, wir könnten noch einmal von vorne beginnen." war Dhargos' einziger Kommentar, bevor die Ordensritter ihn unter den entsetzten Blicken des Gesindes abführten.

*

„Ihr seid hier nicht sonderlich erwünscht, Branarh." erwiderte Eowulf in drohendem Ton. Er richtete sich zu voller Größe auf und legte demonstrativ seine gepanzerte Hand auf den Schwertgriff. Martel überging dies. „Wo ist Euer Bruder? Ich weiß, er wollte zu Euch." - "Er kam und ging." erwiderte der Jüngere kurzangebunden. "Und Ihr solltet seinem Beispiel folgen. Verräter und ihre Anhänger sind hier nicht gern gesehen." Martel sah Eowulf scharf an. Schließlich wandte dieser seine Augen ab. "Folgt meinem Rat." grollte er, dann verschwand er hinter den Zinnen der Mauer.
Martel zügelte unschlüssig sein Pferd. Was sollte er jetzt tun? Zurückreiten und einfach warten? Nein. Er traute Eowulf fast jede Schandtat zu. Er wendete sein Pferd. Sein neues Ziel hieß Madhras. Und er betete inständig, daß er nicht zu spät käme.

*

„Dhargos, Ihr werdet eines sehr schweren Vergehens beschuldigt, nämlich der Ketzerei und der Verleumdung der Mutter Kirche." Der Vorsitzende lehnte sich wieder zurück. „In Eurem Fall wiegen die Anschuldigen dadurch noch schwerer, da Ihr als Ordensritter und somit auch Priester ein ausgezeichnetes Mitglied der Kirche seid und Vorbildcharakter habt. Ich frage Euch, beharrt Ihr immer noch auf diesen ketzerischen Behauptungen?"

Dhargos stand zwischen zwei besonders großen Ordensrittern. Man hatte darauf verzichtet, ihm die Hände zu fesseln. Allerdings verband eine schwere Kette seine Knöchel. Er hielt sich die verstümmelte rechte Hand. Man hatte mit allen Mitteln versucht, ihn zum Widerrufen zu bewegen, doch ohne Erfolg.
„Was ist daran ketzerisch, wenn man das wahre Wort des Herrn verbreitet? Ist die Wahrheit verboten?" - „Er tut es schon wieder." ereiferte sich der Bischof von Maarberg.
„Stopft diesem Ketzer endlich sein Schandmaul!" rief er erbost. „Ihr könnt die Wahrheit nicht länger verschweigen." entgegnete Dhargos. „Mich zu töten, wird Euch nicht helfen. Die Wahrheit bleibt bestehen." Er sah die Anwesenden der Reihe nach an. Dort saßen sie, die Oberhäupter der khatolikanischen Kirche: die beiden Großmeister der Ritterorden Derion und Ulaf, die Bischöfe von Maarberg, Maran und Perat, Darios, Paulos und Patros sowie Patriarch Salvatos.
Derion und Ulaf, zwei Männer mit grimmigen Gesichtern erwiderten unverwandt seinen Blick, wobei es in den Augen Ulafs, seinem ehemaligen Großmeister, kurz aufblitzte.
Darios' Gesicht spiegelte seinen Eifer, einen Ketzer zu richten, deutlich wider. Paulos dagegen rutschte immer wieder unruhig auf seinem Stuhl hin und her und vermied es tunlichst, Dhargos anzusehen. Patros sah so aus, als würde er schlafen. Die feiste Gestalt des Bischofs hatte sich jedenfalls schon seit einiger Zeit nicht mehr bewegt. Salvatos hingegen musterte Dhargos immer wieder, als suchte er etwas im Gesicht des Angeklagten.
"Da Ihr auf Euren Behauptungen beharrt, ist sehr betrüblich und damit eine Verurteilung unumgänglich." sagte er, und es klang fast so als bedauere er dies. Er beugte sich vor, um seine Kollegen besser sehen zu können. "Müssen wir uns zu einer Beratung zurückziehen?" Die Kirchenfürsten verneinten. "Dann gebt mir Euer Urteil." verlangte er.
"Schuldig!" erklärte Derion mit fester Stimme. "Schuldig!" tat es ihm Ulaf gleich. "Schuldig natürlich!" Darios setzte sich zufrieden zurück. "Schuldig." sagte Paulos und betrachtete dabei seine Hände. Eine Pause entstand. Paulos stieß seinen Nachbarn an. "Wie, was?" Patros zuckte zusammen. "Wie urteilt Ihr, Bruder Patros?" fragte Salvatos sanft. "Schuldig." antwortete Patros.
Salvatos wandte sich wieder an Dhargos und beugte sich ein wenig vor. "Ihr habt es gehört. Auch ich stimme für schuldig. Damit seid ihr eindeutig als Ketzer überführt." - "Ich habe nichts anderes erwartet." sagte Dhargos ruhig. Salvatos' Augen verengten sich, dann aber entspannte er sich wieder.
"Ihr werdet hingerichtet, und Eure Schriften werden als ketzerisch erklärt und verboten. Alle bekannten Exemplare werden dem Feuer übereignet." Er lehnte sich wieder zurück.
„Gewöhnlich werden überführte Ketzer verbrannt." fuhr er fort. „Doch in Eurem Fall werden wir aufgrund Eurer adligen Geburt davon absehen. Das Tribunal ist übereingekommen, Euch die Gnade der Enthauptung zu gewähren."

*

„Laßt mich jetzt allein." befahl er. Die beiden Wächter verbeugten sich und zogen sich zurück. Salvatos trat dicht an die massiven Gitterstäbe heran und versuchte, im Halbdunkel des Kerkers etwas zu erkennen. „Welch eine Verschwendung." sagte er schließlich. „Ein so brillanter Geist, aber leider fehlgeleitet. Ach, was könntet Ihr im Namen der Kirche alles bewerkstelligen." Ein Kettenrasseln war zu hören. Metall schleifte über den Boden.
„Ich habe nur eine Frage." sagte Dhargos. „Kennt Ihr das Original?" Der Patriarch warf einen raschen Blick zur Tür, hinter der die Wächter verschwunden waren. „Aber natürlich." antwortete er nach einer Weile. „Jedes Oberhaupt der khatolikanischen Kirche hat es gelesen, um die Gefahren, die darin verborgen sind zu begreifen." - „Gefahren?" fragte er mit ironischem Unterton. „Warum wurde es geändert?"

Salvatos setzte sich auf einen kleinen Hocker. „Der Gott, so wie er darin beschrieben wird, ist schwach, anfällig für die Boshaftigkeit seiner Feinde. Das Reich, die Menschen aber brauchen einen starken, kraftvollen Gott, an den sie sich in ihrer Not wenden können. Was glaubt Ihr, was passieren würde, wenn wir predigten: Haltet auch die andere Wange hin, wenn Euch die Cravaner überfallen." - „Ihr vertraut den Menschen zu wenig." - „Pah. Die Menschen sind schwach. Sie brauchen eine starke Hand, die sie führt, einen mächtigen Gott, der sie leitet."
„Ihr habt es also gelesen, doch Ihr habt den Sinn nicht verstanden." Ehrliches Bedauern erfüllte seine Worte. Dhargos trat an das Gitter. „Laßt es mich Euch erklären, dann seht Ihr ein, daß ich nicht ketzerisch handele."
„Ich weiß, daß Ihr kein Ketzer seid, und ein Wort von Euch würde genügen und ich würde diese Hinrichtung noch verhindern." - „Eine letzte Prüfung?" Dhargos lächelte. „Fürchtet Ihr Euch so sehr vor einem schwachen, hilflosen Gott? Oder sind es mehr die Pfründe, um die Ihr Euch sorgt? Ihr seid ein kluger Mann, Salvatos. Und Ihr wißt genau, daß es stimmt, wenn ich sage: Glauben und Religion hat nichts mit der Kirche zu tun. Die Menschen benötigen die Kirche nicht, wohl aber die Kirche die Menschen."
Salvatos’ Augen verengten sich. „Ihr seid ein sehr gefährlicher Mann, Dhargos. Ich werde persönlich dafür Sorge tragen, daß Ihr und Eure Anhänger dieses Gedankengut nicht weiter verbreiten werdet. Zum Wohle des Reiches." Damit stand er auf und verließ den Kerker.

*

Dhargos stand auf dem Marktplatz von Madhras, der heute zu einem Richtplatz werden sollte. Stadtwachen hatten einen Ring um das Podest gebildet, auf dem er und seine Wachen standen. Eine unglaublich große Menschenmenge hatte sich darum versammelt. Es war ein besonderes Ereignis, wenn der Mann gerichtet werden sollte, der die khatolikanische Kirche in den letzten Jahren so hart bedrängt hatte. Viele der Menschen schrieen und gierten nach Dhargos' Blut, andere hielten sich auffällig bedeckt.

Die Soldaten öffneten eine Gasse, durch die die kirchlichen Würdenträger zum Podest schritten. Von der anderen Seite des Platzes näherte sich unter dem Schutz der Stadtwache eine Gestalt, die ganz in einen düsteren Umhang gekleidet war. Der Henker. Er erklomm das Podest mit kraftvollen Schritten. Oben angekommen warf er den Umhang ab und entblößte seinen muskulösen Oberkörper. Die Menge schrie vor Begeisterung.
Er hob das große Richtschwert und ließ es spielerisch kreisen. Dhargos' Wachen packten ihn an den Armen und zwangen ihn auf die Knie. "Habt Ihr noch etwas zu sagen?" fragte Patriarch Salvatos. Dhargos nickte. Augenblicklich wurde es still auf dem Platz.
„Ich weiß, daß hier auch einige meiner Freunde unter Euch sind. Ich bitte Euch, laßt jeden Gedanken an Rache von Euch fahren. Vergebt Ihnen, ich habe es bereits getan." Die Menge schwieg betreten.
Salvatos hob die Hand und senkte sie wenige Augenblicke später. Mit einem häßlichen Zischen sauste das Richtschwert herab.
Die Menge fing bereits an, sich zu zerstreuen, doch Martel stand immer noch unbeweglich da. Er war zu spät gekommen, hatte nichts mehr tun können. Nichts war für ihn schlimmer gewesen, als zur Untätigkeit verdammt zu sein. Ihm liefen die Tränen die Wangen herunter. Er weinte, aber er schämte sich dessen nicht. An diesem Tag war ein großer Mann von ihnen gegangen, doch er würde dafür sorgen, daß sein Andenken weiterlebte.


Wir sind alle nur Lernende, stets auf der Suche nach Wissen und der einzigen Wahrheit. Und das Leben ist unser Lehrmeister.
Dhargos