LOTR2
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Erwachen

Diese Geschichte geschah etwa hundert Jahre vor der Hauptgeschichte der Bücher. Die Schatten des Nordens erheben sich wieder...



Ganz allmählich kehrten die Erinnerungen zurück. Es war wie ein Erwachen aus einem tiefen, tiefen Schlaf und doch war es anders. Er hatte noch sehr viele Lücken, das spürte er. Doch wußte er auch, daß sich diese Lücken wieder schließen würden.
Haß. Haß und Wut. Noch wußte er nicht, woher diese Gefühle kamen, doch sie waren vorhanden, fast übermächtig. Haß war das erste, was er gefühlt hatte.
Er sah an sich herab. Sein Körper war intakt, zeigte ihm das muskulöse, durchtrainierte, wenn auch sehr hagere Bild eines Mannes in den besten Jahren. Seine Haut war völlig glatt, kein einziger Kratzer war zu sehen. Sein Hemd, das einzige Kleidungsstück, was er besaß, war dagegen in einem bedauernswerten Zustand. Aber das störte ihn nicht weiter.
Er lebte, und er wußte wieder, daß er lebte. Und dies war das einzige was zählte.
Wut! Man hatte ihm etwas weggenommen. Nur was war dies gewesen? Und wer hatte es ihm genommen? Das einzige, was er mit Sicherheit sagen konnte, es war jemand gewesen, dem er vertraut hatte. Ja, das war es. Man hatte ihn betrogen, getäuscht. Der Funke der Wut glomm nun hell auf. Verrat! Das war es gewesen. Seine Faust ballte sich. Ja, die Zeit würde kommen, daß er sich rächen konnte.

Er richtete sich auf und streckte seinen dünnen, sehnigen Körper. Seine Muskeln schmerzten und das wunderte ihn. Es tat nicht richtig weh, es war vielmehr das eigentümliche Gefühl, als hätte er sich für sehr lange Zeit nicht mehr in dieser Weise bewegt. Schmerz war ohnehin etwas Fremdes für ihn. Er kannte das Wort, wußte um seine Bedeutung, doch war er sich auch sicher, daß es eine Ewigkeit her war, daß er selbst Schmerz empfunden hatte. Zumindest körperlichen Schmerz. Jetzt aber wogte ein ganz anderer Schmerz durch seine Brust und wurde mit jeder Minute stärker. Es war der Schmerz des Verlustes.
Ja, er hatte ihnen vertraut, hatte sie in seine Pläne eingeweiht und sie hatten ihn auf schmählichste Art und Weise verraten. Doch töten konnten sie ihn nicht, da war er sicher. Hätte dies in ihrer Macht gestanden, so hätten sie kaum einen Augenblick gezögert.

Allmählich formte sich ein Bild zu dem Schmerz. Er sah düstere, dunkle Gestalten. So finster, als seien sie im Schwarz der Winternacht gekleidet. Und doch beugten sie sich vor ihm, zitterten vor seiner Macht. Welcher Macht? Unwillkürlich fuhr seine Hand gegen die Stirn. Etwas hartes, kaltes war dort zwischen seinen Augen. Was mochte es sein? Er versuchte, es abzunehmen, doch es schien fast, als sei es mit ihm verwachsen. Achselzuckend ließ er davon ab. Ein weiteres Rätsel, daß sich mit der Zeit lösen lassen würde.
Er machte einige vorsichtige Schritte. Seine Beine fühlten sich etwas wacklig an, nicht schwächlich, sondern die Art der Bewegung war ungewohnt. Doch dies änderte sich sehr rasch. Nach kurzer Zeit schritt er kraftvoll aus und erreichte bald darauf einen Weg. Der Untergrund war befestigt, also mußte es sich um eine wichtige Handelsroute handeln. Er folgte der Straße. Da er kein bestimmtes Ziel hatte, war dieser Weg ebensogut wie jeder andere.
Stundenlang wanderte er so in völliger Einsamkeit, ein Zustand, der ihm alles andere als fremd, aber auch nicht unangenehm war. Er mußte seine Gedanken ordnen, die langsam zurückfließenden Erinnerungen sortieren.
Nach fünf Stunden hörte er die ersten Geräusche. Ein Mann kam ihm auf der Straße entgegen. Er zog einen Karren hinter sich her, der mit allerlei Tand beladen war. Ein fahrender Händler. Er blieb stehen und ließ den Händler näher kommen. Der andere war gerade in Rufweite, als er mitten in der Bewegung erstarrte und ihn mit weit aufgerissenen Augen ansah. Dann stieß der Händler einen langen, angsterfüllten Schrei aus und rannte blindlings in den Wald hinein, ohne sich um seine Habseligkeiten zu kümmern.
Was mochte den Mann derart erschreckt haben? Nicht daß es ihn wirklich kümmerte. Er besah sich den Wagen des Händlers, fand eine Hose und ein Hemd, die ihm einigermaßen paßten. Beides lag recht locker um seine schlanken Glieder. Kurz überlegte er, ob er für sein langes, weißes Haar ein Band nehmen sollte, entschied sich aber dann dagegen und ließ den Wagen hinter sich.

Er hatte alles gehabt und man hatte ihm alles genommen. Wieder regte sich die Wut in ihm. Er wußte, daß es nicht Gold oder Reichtum war, daß man ihm genommen hatte. Nein, diese Dinge waren ihm ziemlich gleichgültig. Es ging einzig und allein um Macht. Das Bild der schwarzen Schatten wurde deutlicher. Und er erkannte nun, daß sie gar nicht so ganz schwarz waren, wie er zunächst gedacht hatte. Es war mehr ein grau. Das Grau von Asche.
Tage folgten, in denen er niemand mehr begegnete. Zu seinem Verdruß kehrten die Erinnerungen nur sehr langsam zurück. Er hatte noch immer keine Ahnung, wer er selbst war. Auch die Männer in Grau blieben ihm noch ein Rätsel. Die Landschaft blieb eintönig, und wurde ganz allmählich karger.
Er hörte das Pfeifen, nahm die Bewegung wahr, doch trotzdem tat er nichts, dem heranrauschenden Schwert zu entgehen. Eine innere Stimme sagte ihm, daß dies nicht nötig sei. Er vertraute dieser Stimme. Das schartige Schwert sauste auf seinen Hals hernieder und hätte jedem anderen Mann eine wenn nicht tödliche, doch sehr schwere Wunde zugefügt. Nicht so bei ihm. Mit einem lauten Krachen zerbarst das Schwert in viele kleine Splitter.

Langsam drehte er sich um und sah seinen heimtückischen Angreifer an. Der Mann blickte völlig ungläubig auf sein zerbrochenes Schwert, dessen Heft er noch immer fest umklammert hielt. Dann hob er den Blick und seine Augen weiteten sich vor Schreck und blankem Entsetzen.
Er streckte gedankenschnell seinen Arm aus und packte den Angreifer an der Kehle. Sein hagerer Arm entwickelte dabei eine erstaunliche Kraft und obwohl sein Gegner ein gutes Stück größer war, konnte dieser seinen Griff nicht brechen. Statt dessen schien er vor panischer Angst wie gelähmt.
Wie eine Puppe hob er den Mann mit einem Arm vom Boden hoch. "Wer bin ich?" fragte er ihn. Diese Frage schien den Mann zunächst zu verwirren, dann aber überwog wieder das Entsetzen. "Shesh... sheshtan." gurgelte er. "Meinen Namen!" beharrte der Mann und drückte stärker zu. Dem Räuber quollen fast die Augen aus den Höhlen. "Sheshtan." keuchte er Mann, verzweifelt nach Luft ringend. "..lte Mann..." Etwas in seinem Innern fügte sich plötzlich zusammen. Und jetzt erkannte er auch das erste Wort. Es war ein fremder Dialekt, trotzdem verstand der es. Es war ein Wort für einen Dämon, einen Teufel, etwas das es eigentlich nicht gab, wovor sich aber trotzdem jeder fürchtete.
Und man hatte ihn früher oft so genannt, damals vor so langer Zeit. Er merkte gar nicht, daß seine Hand noch stärker zudrückte und mit einem häßlichen Knacken brach das Genick des Mannes. Achtlos warf er den Leichnam zur Seite und nahm seinen Weg wieder auf.

Es war kein einfacher Verrat, dessen war er sich nun sicher. Nein, es war etwas ungeheuerliches, unerhörtes vorgefallen. Etwas, das nie hätte passieren dürfen.

Weitere Erinnerungen kehrten zurück, halfen ihm aber zunächst nicht, dieses eine Rätsel zu lösen. Allmählich erkannte er, wo er sich befand, wußte wieder die Namen der Städte und Länder, doch das allein nutzte ihm wenig.
Schließlich aber erreichte er ein kleines Dorf. Noch aus der Ferne sah er das übliche Treiben, die Arbeit der Handwerker vor ihren Werkstätten. Das Kommen und Gehen der Bauern. Nun hatte man ihn erblickt und zunächst sahen die Menschen neugierig in seine Richtung.
Er war noch mehr als hundert Meter entfernt, als er plötzlich wieder dieses Wort hörte "Sheshtan!" Wie ein Lauffeuer machte es die Runde, wurde geschrieen und gerufen. Die Menschen zeigten furchtsam in seinen Richtung bevor sie Reißaus nahmen.
Panikartig stoben Männer und Frauen, die Kinder fest an sich gepreßt, auseinander. Und als er endlich den Dorfplatz betrat, war keine Menschenseele mehr da.
Es störte ihn nicht sonderlich. Diese Reaktion war ihm bekannt und vertraut. Dagegen weckte ein Anschlag an der Dorfeiche sein Interesse. Er fragte sich, wozu dies gut sein sollte, denn er glaubte nicht, daß auch nur einer der Dörfler lesen konnte.

Die Schrift war seltsam und die Sprache ungewohnt, doch trotzdem verstand er deutlich den Sinn der Worte. Er wunderte sich ein wenig, daß sich die Sprache in diesem Teil der Welt so verändert hatte. Ein weiteres Rätsel neben den vielen anderen. Es war eine der üblichen Bekanntmachungen, über die neue Festsetzung des Zehnten. Nicht besonders wichtig und er überflog den Text.

Seine Aufmerksamkeit wurde dann auf das Siegel gelenkt: "Unheim Trogarth, Graf zu Dreaark, Vasall des Grauen Fürsten Undachim."
Das war es, was ihm gefehlt hatte. Mit einem Schlag schwand der Schleier von seinem Geist und die Erinnerungen wurden klar. Es war, als sei ein Damm gebrochen. Die Gestalten, die er vorher nur nebelhaft als graue Schatten gesehen hatte, gaben sich nun vor seinem inneren Auge zu erkennen: es waren die Fünf Herren der Asche, die Grauen Fürsten, seine ergebensten, treuesten Diener, seine Heerführer im Krieg und die Verwalter seines Reiches.
Ein Wutschrei entfuhr seiner Kehle, und wären noch Dorfbewohner in der Nähe gewesen, sie wären bei dieser Stimme zu Stein erstarrt.

Er hatte ihnen vertraut. Den einzigen Wesen, denen er sich anvertraut hatte, und gerade die hatten ihn betrogen. Und das alles wegen einem Relfen. Chenar, ja, das war sein Name. Der erste Relfenkönig. Unter seiner Führung gedieh das Reich seiner ärgsten Widersacher und schließlich glaubte sich dieser Narr stark genug, um gegen ihn selbst vorgehen zu können.
Das Heer der Relfen war beachtlich und kaum aufzuhalten. Lediglich der lange, zermürbende Weg durch das karge, eisige Land verhinderte, daß er und seine Mannen binnen kurzem überrannt und besiegt wurden. Doch schließlich lagerten sie sogar vor der Eisfeste im Ewigen Winter des Nordens.
Seine Lage war verzweifelt. Trotz des schlimmen Wetters schien es nur noch eine Frage von Tagen, bis diese verfluchten Relfen sich einen Weg in die Feste würden bahnen können. Sie hatten auf irgendeine Weise magische Unterstützung und auch die Zauberkraft der Fünf Grauen Fürsten half nicht viel.

Es war ihm keinen anderen Ausweg mehr geblieben, also hatte er die Waffe der Alten eingesetzt. Arden, die größte und prächtigste Stadt der Welt, das Zentrum der Relfen, das Herz ihres strahlenden Reiches wurde von einer Sekunde zur anderen völlig und endgültig zerstört.
Die Relfen zogen ab, als sie erfuhren was vorgefallen war und wurden auf dem Rückweg fast völlig aufgerieben. Chenar wurde später von seinen eigenen Leuten hingerichtet. Ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel bei diesem Gedanken.
Er hatte gespürt, daß sogar seine sonst so furchtlosen und unerschrocken Heerführer, die Aschefürsten von dem Anblick und dem Ausmaß der Zerstörung erschüttert waren, doch nie hatte er damit gerechnet, daß sie wirklich sich gegen ihn erhoben.
Natürlich hatten sie ihn nicht einfach töten können, er war gefeit gegen äußerliche Gewaltanwendung. Darum versuchten sie es mit Gift. Nein, es war eigentlich kein Gift, denn dies wäre ebenfalls neutralisiert worden. Statt dessen begann die Substanz, die man ihm heimlich verabreichte, allmählich seinen Verstand zu verwirren. Am Ende wußte er nicht einmal mehr, daß er ein Mensch war, sondern bewegte sich auf allen Vieren und floh in die Wälder. Sie hatten ihn zu einem Tier gemacht!

Sein Zorn wurde geradezu übermächtig bei diesen Erinnerungen. Mit zitternden Händen riß er das Dokument herab. Sein Blick fiel auf das untere Ende des Schreibens.
 
Gezeichnet und bezeugt im Jahre 1103

Er erstarrte. Das Blatt fiel aus seiner kraftlosen Hand. Fünfhundert Jahre. Sie hatten ihm fünfhundert Jahre gestohlen!
Aber sie würden es bereuen. Alle würden es spüren, denn der Alte Mann war wieder erwacht!